Ghostwriting für Reden: Warum niemand sich dafür schämen muss
Sie steht vor dem Spiegel, die Karte mit den Stichpunkten in der Hand, und probt zum dritten Mal denselben Satz. Nicht, weil der Satz schwierig ist. Sondern weil sie Angst hat, jemand könnte sie später fragen: Hast du das wirklich selbst geschrieben? Diese Angst ist, wenn man sich die Geschichte des Redenschreibens anschaut, ziemlich unbegründet.
Selbst Kennedy wusste nicht mehr genau, von wem der Satz stammte
John F. Kennedys Antrittsrede von 1961 enthält einen der bekanntesten Sätze der amerikanischen Politik: die Aufforderung, nicht zu fragen, was das Land für einen tun kann, sondern was man selbst für das Land tun kann. Geschrieben hat die Rede Kennedy gemeinsam mit seinem Redenschreiber Ted Sorensen, den Kennedy selbst seine „intellektuelle Blutbank“ nannte. In seinen Memoiren, Jahrzehnte später auf die Autorenschaft dieses einen Satzes angesprochen, antwortete Sorensen: Er könne sich schlicht nicht erinnern, wer welches Wort beigetragen habe. Der Autor der Rede sei trotzdem Kennedy gewesen, weil er derjenige war, der über Inhalt und Werte entschieden hat.
Diese Unschärfe ist kein Makel. Sie ist der Normalzustand jeder guten politischen Rede. Zwischen dem, der die erste Fassung tippt, und dem, der sie am Ende spricht, verschwimmt die Autorenschaft, und das war schon so, lange bevor es Sprachmodelle gab.
Ein ganzes Amt voller Ghostwriter
Wer glaubt, ein Regierungschef schreibe seine Reden selbst, unterschätzt das schiere Ausmaß der Aufgabe. Ein deutscher Bundeskanzler hält im Schnitt 200 bis 250 Reden im Jahr, an manchen Tagen bis zu drei verschiedene Anlässe. Dafür gibt es im Bundeskanzleramt ein eigenes Redenschreiber-Referat, mit leitendem Redenschreiber, Fachreferenten für einzelne Themen und Nachwuchskräften, die Entwürfe vorbereiten. Das Referat trug unter jedem Kanzler einen anderen Namen, unter Brandt hieß es schlicht „die Schreibstube“, unter Kohl versteckte es sich hinter dem Titel „Mitwirkung bei der Öffentlichkeitsarbeit des Bundeskanzlers“. Namen wie Jochen Thies unter Helmut Schmidt oder Eva Christiansen unter Angela Merkel sind Fachleuten bekannt, dem breiten Publikum meist nicht, und das hat nie jemanden gestört.
Niemand hat einem Kanzler je vorgeworfen, er handle unredlich, weil ein Team ihm beim Formulieren hilft. Der Grund ist einfach: Am Ende steht er selbst am Pult, vertritt den Inhalt, und trägt die Konsequenzen, wenn ein Satz danebengeht.
Zwischen dem, der die erste Fassung schreibt, und dem, der sie spricht, verschwimmt die Autorenschaft. Das war schon so, lange bevor es Sprachmodelle gab.
Was tatsächlich zählt, ist nicht die Tastatur
Die Scham, die viele private Redner empfinden, wenn sie sich Hilfe holen, beruht auf einer stillschweigenden Annahme: eine gute Rede müsse vollständig aus dem eigenen Kopf kommen, sonst sei sie nicht echt. Diese Annahme hält weder der Geschichte noch der Praxis stand. Was eine Rede echt macht, ist nicht die Frage, wer den ersten Satz getippt hat. Es ist die Frage, ob der Redner hinter jedem Wort steht, das er ausspricht, eine Frage, die seit dem 2. August 2026 sogar gesetzlich präzisiert ist, ohne dass sich am Grundprinzip etwas geändert hätte.
Ein Ghostwriter, ob Mensch oder KI, liefert Struktur, Formulierungen, manchmal die passende Anekdote. Was er nicht liefern kann, ist die Übernahme der Verantwortung. Die bleibt immer bei dem, der spricht.
Was das für Ihre eigene Rede bedeutet
Wer für eine Hochzeit, ein Jubiläum oder eine Trauerfeier Hilfe beim Schreiben in Anspruch nimmt, befindet sich damit in derselben Tradition wie jeder Regierungschef, der ein Redenschreiber-Team beschäftigt, nur kleiner. Eine aktuelle Studie zeigt sogar, dass ein Publikum den Unterschied zwischen „selbst geschrieben“ und „mit Hilfe entstanden“ ohnehin nicht zuverlässig hört. Es hört, ob jemand zu dem steht, was er sagt.
Wer sich also fragt, ob er sich für die Unterstützung beim Schreiben rechtfertigen muss: Die Antwort ist nein. Gerechtfertigt werden muss nur, wer nicht geprüft hat, was er da eigentlich vorträgt.
Häufige Fragen
Ist es unehrlich, eine Rede nicht selbst zu schreiben?
Nein. Politische und geschäftliche Reden entstehen seit Jahrzehnten mit professioneller Unterstützung, ohne dass das als Täuschung gilt. Entscheidend ist, dass der Redner den fertigen Text versteht und vertritt.
Wer hat Kennedys berühmten Satz aus der Antrittsrede geschrieben?
Das lässt sich im Nachhinein nicht mehr sicher trennen. Sein Redenschreiber Ted Sorensen erklärte selbst, er könne sich nicht erinnern, ob die Formulierung von ihm, von Kennedy oder von einer dritten Quelle stammte.
Warum beschäftigen Regierungschefs ganze Redenschreiber-Teams?
Weil das schiere Volumen es erfordert: Ein Bundeskanzler hält im Schnitt 200 bis 250 Reden im Jahr. Kein Mensch kann das allein inhaltlich und sprachlich in dieser Qualität und Geschwindigkeit stemmen.
Muss ich es beim Anlass erwähnen, wenn ich mir eine Rede habe schreiben lassen?
Rechtlich in aller Regel nicht, private Reden fallen ohnehin nicht unter besondere Offenlegungspflichten. Wichtiger als die Erwähnung ist, dass der Inhalt zu Ihnen passt, wenn Sie ihn vortragen.
Quellen:
– Brookings: Review of „Counselor: A Life at the Edge of History“ von Ted Sorensen
– NZZ: Die Macht der Antrittsreden von US-Präsidenten
– Business and Science: Redenschreiber Bundeskanzler
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